Kinder aus einem Armenviertel in Rio de Janeiro sollen im Schulalter nicht mehr benachteiligt werden. Dafür gibt es UniLetrinhas.

Der Vorstand der «Freunde brasilianischer Strassenkinder» will mindestens ein neues unterstützenswertes Projekt finden. Dies haben wir uns zum Ziel gesetzt, nachdem unser Schweizer Verein auf unseren Antrag die langjährige Zusammenarbeit mit dem Projekt Chácara beendet hat, wie wir im Winternewsletter 2021 berichteten.

Nun sind wir fündig geworden. Und zwar in Rio de Janeiro, genauer in der Favela Complexo da Maré, einem Armenviertel im Norden der Metropole, weit weg von den südlichen Stränden Copacabana und Ipanema. International Schlagzeilen machte Maré, als kurz vor den Olympischen Sommerspielen 2014 in Rio über tausend Polizisten aufmarschierten, um die Favela zu «befrieden».

Armut, Vernachlässigung und Gewalt gehören leider bis heute zu Maré, wo über 140’000 Menschen leben – und es ist schwierig, grundsätzlich etwas daran zu ändern. Nun entsteht aus der Favela heraus ein Projekt, das sich den Namen UniLetrinhas gab. «Letrinhas» bedeutet «kleine Buchstaben».

UniLetrinhas geht aus dem bestehenden Projekt UniFavela hervor. UniFavela setzt an einem Grundübel an, das sich vielerorts in Lateinamerika findet: der extremen Chancenungleichheit, die bereits im Vorschulalter beginnt und mit schlechteren Aussichten auf eine berufliche Karriere oder auch nur auf ein gesichertes Einkommen endet.

Acht Prozent der Erwachsenen aus Maré haben nie eine Schule besucht, 22 Prozent der Kinder aus der Favela können weder lesen noch schreiben. UniFavela hat deswegen ein Förderprogramm ins Leben gerufen und unterstützt Jugendliche mit Nachhilfestunden am Abend. Das Projekt hat sich auch zum Ziel gesetzt, Teenagern und jungen Erwachsenen eine berufliche Perspektive zu geben. Es hilft Lernwilligen gezielt beim Eintritt in eine Universität oder einer sonstigen höheren Ausbildung.

Ein Grundproblem besteht darin, dass viele Kandidatinnen und Kandidaten müde und erschöpft abends in den Förderstunden auftauchen. Die meisten gehen intensiven und prekären Arbeiten im Grossraum Rio nach, um sich und Angehörige über Wasser zu halten. UniFavela vergibt deshalb einzelne kleine Stipendien, damit sich Lernwillige besser auf Eintrittsprüfungen etc. vorbereiten können.

Der Vorstand der «Freunde brasilianischer Strassenkinder» findet den Ansatz des Projekts überzeugend, doch der Schweizer Verein kann UniFavela nicht unterstützen, da er gemäss Statuten nur Kinder unterstützt.

UniFavela hat aber ein Subprojekt initiiert: UniLetrinhas hilft Mädchen und Knaben zwischen fünf und 14 Jahren beim Lesen und Schreiben. Dies wäre eine Kernaufgabe der öffentlichen Schule. Doch die Statistik zeigt, dass der Staat diese Aufgabe nicht beziehungsweise mehr als ungenügend erfüllt.

Ein erstes kleines Engagement der «Freunde brasilianischer Strassenkinder» ermöglicht es UniLetrinhas, statt wie bislang fünf neu 15 Kinder über Monate zu unterstützen. Die Mädchen und Knaben werden zweimal zwei Stunden pro Woche gezielt gefördert. Pro Fünfergruppe ist eine Lehrperson vorgesehen. Die Kinder erhalten in der Pause eine gesunde Verpflegung.

UniLetrinhas hat für ein Betriebsjahr einen Aufwand von rund 6700 Franken budgetiert. Dieser Betrag ermöglicht einen Auf- und Ausbau der Arbeit in kleinen Schritten. Auch dank unserem Startbeitrag können Schulräume, Strom, Wasser, Nahrungsmittel und vereinzelt Pädagogen bezahlt werden. Die Mehrheit der Ausbilder arbeitet auf freiwilliger Basis. Dadurch stehen dem Projekt auch ein Sozialarbeiter, ein Psychologe und sogar ein Zahnarzt bei Bedarf zur Verfügung.

Über eine Unterstützung von UniLetrinhas in einem grösseren Rahmen kann die Generalversammlung der «Freunde brasilianischer Strassenkinder» befinden.

Mehr Informationen zum Projekt finden sich auf dessen Webseite: www.unifavela.com.br oder bei Facebook: https://www.facebook.com/unifavela/. Unifavela hat im Mai 2022 für ihr Ausbildungsprojekt den Preis „Sim a Igualdade Racial“ von der Organisation ID_BR erhalten. Die Preisverleihung kann unter diesem Link angesehen werden. UniFavela ist ab der 57. Minute erwähnt. (alle Links unabhängig vom Verein «Freunde brasilianischer Strassenkinder»)